Aktion Musensuche


Meine Lieben – nach einer kurzen Wartezeit ist es nun soweit: Die Gewinner meines kleinen Schreibwettbewerbs „Aktion Musensuche“ stehen fest. Nach vielen schlaflosen Nächten, Schweißausbrüchen und Angstattacken, ob ich überhaupt Beiträge bekommen werde, oder ob ich mich ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, mit meinem doch noch eher geringen Bloggerstatus, kann ich nun sagen: Es hat sich gelohnt! Ich freue mich wahnsinnig über eure Beteiligung und kann euch nun drei wundervolle Texte präsentieren.

Die Autoren freuen sich sicher sehr über Feedback und rege Kommentare von euch.

Viel Spaß beim Lesen wünscht eure Mademoiselle ❤

Platz 1:

Geht an @freelancerhh – er schreibt eigentlich nicht, weil ihm dazu die Motivation fehlt. Ich bin der Meinung, er sollte sich irgendwo ein großes Päckchen davon bunkern, damit wir viel öfter Beiträge, wie diesen, zu lesen bekommen – einfach wunderschön! 

Ich wünschte, ich könnte weinen.

Ich wünschte, ich könnte weinen. Weinen und schreien, schreien und weinen. Mit den Händen auf den nackten Boden schlagend, so doll, dass mir der Rotz aus der Nase läuft, die Tränen über beide Wangen kleine Rinnsale bilden, um sich unterm Kinn wieder vereint in die Tiefe zu stürzen. So doll, dass die Welt in einem Umhang aus Schmerz verschwimmt.

Ich wünschte, ich könnte weinen, dass mir die Luft wegbleibt, die Augen zu einem roten, verquollenen Haufen Elend zusammen sinken und für den Bruchteil einer Sekunde die Welt aus den Fugen zu geraten scheint.

Ich wünschte, ich könnte all das, was sich in meinem Herzen als Gepäck angesammelt hat in einem unaufhörlichen Meer aus Tränen und Verzweiflung aus meiner Seele waschen, so lange bis mein Körper vor Erschöpfung zusammensinkt und ich vor lauter Kraftlosigkeit nur noch zittert am Boden liegen kann.

Aber ich kann nicht. Ich nehme nur auf. Meine Umwelt, meine Erfahrungen, dich, mich. Und ich verarbeite. Solange bis ich schließlich zu einem Resultat komme. Es ist eine geordnete, dosierte Trauer. Eine sich auf die Seele legende, alles bedeckende Trauer, die dir die Kraft nimmt, je länger sie dich begleitet.
Es ist nicht die emotionale Trauer, die dich packt und dich auf den Boden schmeisst, so stark, dass du keine Kraft mehr hast, den Kopf nach oben zu richten oder aufzustehen. So stark, dass deine Schultern sich nicht einmal einen Zentimeter bewegen können. Es ist nicht jene Trauer, die man früher einmal kannte, die sich nicht  von Alkohol beeindrucken lässt, die sich nicht durch Nachdenken zu bändigen weiß. Es ist nicht diese Trauer, die nur die Zeit und jede Menge heißer Tränen aus deinem Herz spülen kann.

Es ist eine gesellschaftlich anerkannte, weil depressive Trauer. Es ist eine Trauer, die auf einem Rezeptblock daher kommt, dir freundlich lachend Ideale, die keine sind, unter die Nase reibt, wohl versteckt von der Allgemeinheit und doch allgegenwärtig. Aber ich will sie nicht. Ich stoße sie weg und schreie ihr hinter her, sie solle sich zum Teufel scheren. Ich schreie so lange, ich schreie so laut, bis ich merke, dort kommt sie gerade her…

Abends liege ich noch lange wach, weil meine Gedanken wieder Sackhüpfen veranstalten, ich wurde nicht gefragt, ich hätte es auch verboten, hätte gesagt, es ist Schlafenszeit und für Gedanken sei am morgigen Tag noch genug Zeit. Aber meine Gedanken fragen mich nicht, wenn sie eine Party zu feiern gedenken.
Ich habe mich mit ihnen abgefunden, meine Gedanken gehören zu mir und ich lasse sie gewähren, sollen sie doch durch meinem Kopf spuken wie kleine Gespenster und mit den Ketten rasseln, ich höre mir ihre Vorschläge an.
Ob ich das wirklich wolle, fragen sie. Unglücklich sein? Ich grübele, ich weiß es nicht, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Unglück ist wie ein See. Bist du einmal darin, umgibt es dich vollständig und wenn du dich nicht bewegst, versinkst du immer tiefer, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du darin zu ertrinken drohst. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem dich kein Strohhalm mehr an die Oberfläche bringen kann. Aber man lernt auch zu schwimmen. Ich habe es zumindest gelernt. Und dann – irgendwann gehst du wieder an Land, legst dich in die Sonne und blickst auf die Wogen.

Von Zeit zu Zeit gehst du schwimmen, nicht weil du Bock auf Wasser hast, nicht weil du es genießt, wie die Moleküle in weichen und sich anschmiegenden Bewegungen um deinen Körper bewegen, sondern weil es eben so ist in diesem Leben.

Also, nein, ich will nicht unglücklich sein. Oder vielleicht will ich es doch. Ich bin mir nicht sicher…
Ich glaube nicht, dass ich das will, aber ich denke, ich nehm das. Weil es besser ist, als gar kein Gefühl.


Platz 2:

Ein sehr schöner Beitrag von @herzaushonig, die sich aufgrund meines Aufrufs endlich dazu durchringen konnte, ihren ersten eigenen Blog aufzumachen http://herzaushonig.wordpress.com – ich kann nur sagen: Zeit wird`s!


Dunkelheit war alles, was er sah. Sein Rücken schmerzte, er wusste nicht wovon. Sollte er versuchen, sich zu bewegen? Er blinzelte. Nichts. Nur Dunkelheit. Und Stille. Atemberaubende Stille. Nichts zu hören. Kein Wind, keine Musik der Nachbarn, kein vertrautes Klackern von Absätzen auf der Straße vor seinem Fenster. Kein vertrauter Duft. Wo war er? Zuhause konnte er nicht sein. Dort fühlte es sich anders an.

Er blinzelte erneut. Immernoch schwarz. Er versuchte langsam seine Finger zu bewegen, einen nach dem anderen, bis es in beiden Händen unaufhörlich kribbelte. ‚Sollte ich nicht in Panik ausbrechen, wenn ich aufwache, nichts sehe und spüre? Sollte ich nicht wild um mich schlagen und um Hilfe schreien?‘ Aber er war wie in Trance. Besann sich auf eine ruhige Atmung und versuchte nun, neben seinen Händen, auch seine Zehen zu bewegen. Zehen einzeln zu bewegen ist gar nicht so einfach, also versuchte er zunächst den linken Fuß und schließlich den rechten Fuß zu schütteln. Nichts. Er fühlte … nichts. Langsam spürte er doch so etwas wie Angst, Sorge, Panik in sich aufsteigen. ‚Das liegt an den Rückenschmerzen‘, redete er sich gut zu. Langsam hob er seine Schulterblätter an, links, rechts, und landete wieder auf dem harten Untergrund. Er tastete mit den Fingerspitzen über das, was unter ihm war. Rau, hart … ja, Holz muss es sein. Nun nahm er auch den Duft wahr. Holzig, wie Wald und Erde. Lag er auf dem Fußboden? Aber bei wem? Und warum konnte er nichts mehr sehen? Was war mit seinen Augen passiert?
Er tastete sich weiter vor, nach links und nach rechts und stieß gegen eine Wand. Auf beiden Seiten. Ihn überkam erneut eine Welle aus Angst. Langsam, ganz langsam, krochen seine Finger die Wand entlang. Richtung Decke. Links und rechts eine Wand? Das konnte unmöglich ein Zimmer sein. Vielleicht ein Flur? ‚Oh nein‘, er erschrak, Panik packte ihn, als seine Finger schon nach kurzer Zeit auf Widerstand stießen. Unten, links, rechts, oben, überall Holz. Er lag doch nicht tatsächlich in einer Kiste? Das gabs doch nur in schlechten Filmen!

Mit jedem Atemzug wurde er nach dem ersten Schrecken wieder ruhiger. ‚Überleg, was ist passiert? Wo bist Du hier und warum bist Du hier? Los, denk nach!‘, befahl er sich selbst. Aber die Erinnerung blieb verschwommen, er bekam keinen Gedanken zu fassen. Und plötzlich überkam ihn die Erkenntnis, dass er nicht einmal wusste, wer er selbst war. Kein Name, kein Alter, was war seine Haarfarbe? Er wusste es nicht. Nur dunkle Erinnerungen, wie das Klackern von Absätzen, vertraute Gerüche und Stimmen tauchten für Sekunden auf, verschwanden aber genauso schnell wieder.

‚Da! Da war doch was! Stimmen. Jaaa, Stimmen, mehrere!‘ Er wollte sprechen, rufen, riss den Mund auf, aber es war nichts zu hören. Er bewegte seine Zunge, aber alles was er zustande brachte, war ein leises Krächzen. Die Stimmen entfernten sich. Schnell klopfte er mit den Fingerknöcheln gegen das Holz, das er rund um sich spürte. Er hörte, wie die Stimmen verstummten. Er klopfte erneut. Gemurmel, das näher kam. Er klopfte wieder. Die Stimmen waren nun ganz nah. Er hörte, wie sich jemand an dem Holz um ihn herum zu schaffen machte. Lautes Knacken, aufgeregtes Rufen im Hintergrund, als ihm plötzlich eine gleißende Helligkeit entgegenbrach.

Das Glas war kalt an seinen Lippen. Kälter als das Wasser, das aus dem Glas seine trockene Kehle entlanglief. Das tat gut. Zu spüren, wie Leben in ihn zurückkehrte. Die Schwester stellte das Glas auf dem Nachtisch ab und verschwand wortlos. Man hatte ihn direkt in ein Krankenhaus gebracht, ihn mit Fragen bombardiert. Aber er war der Letzte, der wusste, warum er mitten im Nichts zu sich gekommen war, neben einem ausgeschaufelten Loch im Waldboden, mit tauben Beinen, ohne Erinnerung, eingeschlossen in einem Holzsarg. ‚Was war passiert? Wer hatte ihm das angetan? Werden Sie mich suchen?‘ Panik machte sich breit, Schweiß lief ihm übers Gesicht. Keine Minute war vergangen, in der er nicht zur Tür starrte. Was hatten die Ärzte ihm so stolz gesagt? ‚Das war Glück im Unglück. Die Männer haben Ihnen das Leben gerettet!‘. Aber was war das für ein Leben, beweglos in einem Krankenbett, ohne zu wissen, wer Du bist und was Du warst und wer auf Dich wartet?

‚Dieses Leben? Ich glaube nicht, dass ich das will, aber ich denke, ich nehm das.‘ murmelte er lautlos vor sich hin.

© herzaushonig

Platz 3

eine sehr eigene Interpretation von „AD“, welcher unter ad-mire.me bloggt. Nichts desto trotz, oder genau deswegen, sehr interessant, auch wenn man diesen Beitrag sicher einige Male hintereinander lesen muss und wahrscheinlich doch auf sehr viele Deutungsmöglichkeiten kommt. Aus diesem Grund – mein 3. Gewinner.

Rot-blau

„Ich weiß, dass ich das nicht will, aber ich muss sie wohl oder übel nehmen.“ sagte er und
warf die blaue Pille in seinen Rachen. Andere hätten vielleicht gesagt „Ich glaube nicht, dass ich das will, aber ich denke, ich nehme das.“ und wären am ehesten in ihrer Unsicherheit entscheidungslos stehen geblieben, nicht wissend, was sie wollten oder dachten. Er hingegen wusste, dass er keine andere Wahl hatte und entschied sich dafür, dass er sich nicht mehr entscheiden können durfte.

Irgendwann in der Vergangenheit hatte er sich durch ein kleines Mädchen, das äußerlich tat, es wäre eine Frau, gezwungen gefühlt die rote Pille zu nehmen. War er gezwungen, wäre er ansonsten vollends zusammengebrochen und hätte es nicht überlebt. Wäre das vielleicht zielführender gewesen. Seitdem sah er die Welt, wie sie vermeintlich war. Das Licht vom Schatten aufgesaugt und die Dunkelheit umhüllend. Hatte die Modifikation seiner Augen ihren Preis, aber wusste er nunmehr mit einer hochpräzisen Schärfe zu trennen.

Trennte die Schärfe jetzt ihn. Zersäbelte er mit seinem tiefgründigen Blick die eigene Seele, wusste die Eisprinzessin seit jeher ihn zurückzuspiegeln. Konnte er sie durchdringen, aber ließen die Rahmenbedingungen und er selbst es nicht zu. Sah er sich stattdessen gezwungen es ihr gleich zu tun, auch wenn sich alles in ihm sträubte.

Seine Zunge schnellte nach oben und drückte die Kapsel gegen seinen Gaumen. Gemeinsam sanken sie zu Boden, bevor er sie wie einen Kirschkern aus seinem Mund schoss. Mochte es sein, dass andere sich dafür entschieden oder andere für sich entscheiden ließen und war nicht zuletzt nicht klar, ob seine Illusion der freien Entscheidung eben nur diese war, aber griff er ohne zu zögern nach rot. Er wusste, was er will. Dem entgegengesetzt zu handeln wäre eine Farce, selbst, wenn er früher oder später keine andere Wahl haben würde.

„Vielleicht“, sagte er sich, „unterscheiden sich die Kapseln nur in ihrer Farbe.“ und schluckte voller Bewusstsein.

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