Archive | Oktober 2018

Nein


Was soll dieses Leben eigentlich bringen. Für was soll es gut sein? Ich kann nicht zählen, wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe. Und ich komme zu keinem Ergebnis. Die verzweifelten Versuche, die Antwort bei anderen zu finden, indem ich sie frage, was sie glücklich macht, habe ich aufgegeben. Denn entweder sind die Antworten für mich keine nachvollziehbaren Gründe, Glück zu empfinden. Oder die Menschen fangen plötzlich an zu hadern und zu überlegen und dann habe ich das Gefühl, ich bin ein Unglück bringendes Monster, das jeden um sich herum mit sich in die Tiefe zieht. Menschen, die glücklich zu sein schienen, beginnen plötzlich darüber nachzudenken, dass ihnen all die vermeintlich schönen Dinge in ihrem Leben überhaupt nichts bringen und sie sich allein fühlen. Dann fühle ich mich schuldig, weil ich sie mit meinen Überlegungen darauf gestoßen habe. Natürlich waren diese Gedanken vor mir da. Aber anders als ich, sind die anderen Menschen um sie herum keine nach Fehlern stochernden Ungeheuer, die ihnen ihr bohrendes Messer von Fragen in den Bauch stecken und jeden Winkel ihrer Eingeweide damit absuchen um jeden noch so kleinen Zweifel hervorzulocken.

Den Menschen hält nur das Handeln am Leben. Das Ablenken vom Denken. Wenn der Mensch nämlich zu viel denkt, dann merkt er, dass dieser Segen sein eigentlicher Fluch ist. Wir besitzen immernoch unsere Instinkte. Leider aber können wir sie hinterfragen und alles mit einem Gut oder Schlecht bewerten. Tiere machen, was sie zum Überleben brauchen. Jagen, Fressen, Schlafen, Fortpflanzen. Der Mensch aber braucht für alles einen Grund. Er isst nicht aus Hunger, sondern aus Lust. Lust auf Geschmack. Und selbst bei dieser notwendigen Überlebensnotwendigkeit, stellt er sich in Wettbewerb. Wer kann am besten kochen? Wo kann ich am besten essen? Wer kann sich das beste Essen leisten? Schon wird jeder Mensch gezwungen, nach etwas zu streben, was überhaupt keinem Zweck dient. Genuss zu empfinden. Ohne den maximal erlebbaren Genuss ist das Leben plötzlich nicht mehr lebenswert.

Und natürlich ist es mit allen Dingen so. Man will von allem das Beste. Aber niemand weiß, warum. Was sind Gier und Neid? Anscheinend sind sie entstanden, damit der Mensch niemals zufrieden ist. Damit er sich weiter und weiter und weiter entwickelt. Aber zu was? Jeder Drang nach Verbesserung sollte doch eigentlich in einem Ergebnis münden. Warum aber kann der Mensch, egal, was er schon erreicht hat, niemals aufhören nach etwas zu streben? Warum will er immer mehr und mehr? Und wozu strebe ich überhaupt, wenn es doch nie in einem zufriedenstellendem Ergebnis endet? Oder gibt es das? Das Ziel? Nein. Es steht sogar überall geschrieben: „Der Weg ist das Ziel.“ Wir sind also zu unendlicher Unzufriedenheit gezwungen. Natürlich werden mir jetzt einige widersprechen und sagen „Aber so ist das doch nicht gemeint. Es bedeutet, man soll im Hier und Jetzt leben und die Dinge genießen, während man sie tut.“ Mit anderen Worten: Du sollst dich mit Handeln vom Denken abhalten. Weil das, was es dem Menschen ermöglicht, sein Leben schöner, bequemer und lebenswerter zu machen, das Denken, das ist, was sein Leben eigentlich zerstört. Glücklich sein bedeutet eigentlich, das, was den Menschen befähigt Mensch zu sein, zu verleugnen und permanent zu versuchen, auf die Stufe der Tiere zurückzukommen. Wahrnehmen, aber nicht bewerten. Handeln und nicht Denken. Das Pradoxon schlechthin.

Aber natürlich funktioniert es so nicht. Denn wer so leben würde, würde niemals überleben. Wir müssen also Denken! Wir müssen uns ja schließlich einen Plan machen, wie wir überleben. Das bedeutet lernen, arbeiten, Geld verdienen, vorsorgen. Und nichts ist beängstigender als der Gedanke an die Zukunft. Nichts schlimmer, als die Entscheidung für einen Beruf. Der Beruf ist heutzutage nicht mehr nur ein Mittel zum Geldverdienen. Der Beruf allein ist schon eine Wertung des Menschen. Gute und schlechte Berufe = gute und schlechte Menschen. Was um Himmels Willen ist der richtige Beruf für mich? Welche Berufe gibt es überhaupt? Was, wenn ich den richtigen Beruf für mich unter all den Berufen übersehe? Ist das schon das Beste, was ich haben kann? Kann ich irgendwo vielleicht mehr Geld verdienen? Oder macht mir ein anderer Beruf vielleicht mehr Spaß? Es gab eine Zeit, da ging es nur darum, mit einem Beruf Geld zu verdienen, damit man sich zu Essen leisten kann. Davor war der Beruf die Essensversorgung selbst. Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens mit Arbeit. Mit etwas, das uns auslaugt, so dass wir die Zeit, für die wir arbeiten, nicht nutzen können, weil wir schlicht zu müde sind.

Und damit soll ich zufrieden sein? Das soll mich dazu bringen, dankbar zu sein, am Leben zu sein? Die Tatsache, dass ich überhaupt in der Lage bin, für irgendetwas Dankbar zu sein? Nein, tut mir leid. Ich werde sicher niemandem dankbar dafür sein, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, in dem ich selbst mein größter Feind bin, weil ich in jeder Minute weiß, dass mein Leben besser sein könnte. Ein Leben, dass mir ermöglicht darüber nachzudenken, wie unfair das Leben ist. Wie ungerecht die Möglichkeiten für jeden Einzelnen verteilt sind. Ich werde niemals glücklich sein mit einem Leben als denkender Mensch.

Die einzigen Dinge, die mich nach etwas streben lassen, mich aber gleichzeitig vor Schmerz um den Verstand bringen, sind Dinge, die ich nicht haben kann. Und das ertrage ich nicht noch ein halbes Jahrhundert oder länger. Ich ertrage den Schmerz von Eifersucht und Neid nicht. Neid auf Dinge, die mich, wenn ich sie besitzen würde, nicht glücklich machen würden, sondern nur durch ihre Unerreichbarkeit kränken. Egal, ob Menschen, Erfolge, Ruhm, Geld. Sobald man es in Händen hält, verblasst der Glanz und man macht sich auf die Suche nach dem nächsten Schatz, solange, bis die ganze Welt ihren Glanz verloren hat.

Der Mann an meiner Seite, selbst der, der mir schlaflose Nächte bereitet vor Sehnsucht und Verlangen nach ihm. Irgendwann würde ich ihn kennen. Er würde sich in meinen Alltag einfügen, wie ein vergilbtes Bild an der Wand. Oder mich irgendwann nerven, so wie das Lied, dass ich tagelang in Endlosschleife gehört habe, weil es mich in einen Rausch aus Glücksgefühlen und Adrenalin versetzt hat. Irgendwann möchte ich jede Box zerschlagen, aus der auch nur 3 Takte dieses Lieds erklingen, weil ich es nicht mehr ertrage.

Egal, wo auf der Welt ich wäre – selbst wenn ich die Chance hätte, jeden Winkel der Erde zu betrachten. Irgendwann würde mich nichts mehr beeindrucken können. Irgendwann ist alles selbstverständlich oder vertraut. Es hätte keinen Einfluss auf mein Denken oder Fühlen. Es ist nur Luft und Wasser und Erde, überall ein wenig anders geformt und gefärbt. Jeden Morgen den Sonnenaufgang beobachten und dabei glücklich sein? Nein.

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Weil mit dir alles einfach war.
Weil mit dir einfach alles gut war.
Weil ich mit dir ruhig war.
Weil ich mit dir sorglos war.
Weil ich mit dir immer gelacht habe.
Weil ich mit dir Freude empfinden konnte.
Weil ich mit dir neugierig auf das Leben war.
Weil ich mit dir zuversichtlich war.

Obwohl ich dich nicht wirklich kenne.
Obwohl du mich nicht wirklich kennst.

Weil ich ohne dich all das nicht bin.