Die unsichere Narzisstin


Ich erzähle euch heute ein wenig über meine kombinierte Persönlichkeitsstörung. – Richtig: Wenn ihr die Nase voll habt, von Situationsberichten, Rumgeheule und Mitleidsgehasche, dann könnt ihr diesen Artikel jetzt schließen.

Für alle anderen bringe ich zunächst einmal ein wenig Sex in die Sache: Ich befinde mich nämlich soeben in der Badewanne. Genau genommen, nehme ich ein Erkältungsbad, schwitze, wie ein Schwein und langweile mich. Aber immerhin – ich bin nackt. #NichtDafür

Kombinierte Persönlichkeitsstörung. Da sagt der Name schon viel, aber doch kann das alles Mögliche sein. Es gibt geschätzt wahrscheinlich an die hundert Arten von Persönlichkeitsstörungen. Denn es ist nicht, wie viele verwechseln, immer eine Schizophrenie oder Psychose. Nein – eine Persönlichkeitsstörung beginnt viel bescheidener.

Vor einer Diagnose erfolgt zunächst einmal die Diagnostik. Das bedeutet, knapp 300 Fragen in mehreren Fragebögen beantworten, 2 bis 5 Gespräche zu verschiedenen Lebensbereichen führen und am Ende bekommt man, wie bei einer Prüfung, sein Ergebnis mitgeteilt und ausgewertet.

Klingt nach Arbeit – ist aber erst die Vorstufe zur wirklichen Arbeit. Wobei ich sagen muss, dass einen so eine Diagnose, trotz vorheriger Erwartungen, bereits ziemlich umhauen kann.
– Womit ich auch nicht gerechnet hätte! Denn, passend zu meiner Diagnose (oder vielleicht auch völlig normal), wäre ich von einer weniger katastrophalen Nachricht wohl äußerst enttäuscht gewesen.

Meine Diagnose lautete nun also: Rezidivierende (wiederkehrende) Depression und kombinierte narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Narzisst? – Autsch! Natürlich musste ich mir eingestehen, dass es so sein muss. Es aber von jemand anderem zu hören war..  nun, es fühlte sich ein wenig an, wie ertappt zu werden. Denn dieser Teil meiner Persönlichkeit spielt sich wirklich nur in meinem Inneren ab und es dürfte niemanden in meinem näheren Umfeld geben, der mich einen Narzissten nennen würde. Die meisten würden mich nicht mal für besonders egoistisch halten. Bin ich aber. Und eben mehr als das.

Definition ‚Narzisst‘ (Quelle: der Einfachheit halber Wikipedia):

Narzisstische Personen sind gekennzeichnet durch einen Mangel an Einfühlungsvermögen und Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, was sie mit einem großartigen äußeren Erscheinungsbild zu kompensieren versuchen[12]. Häufig hängt das mit ihrem brüchigen Selbstwertgefühl zusammen. Die Goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ ist Narzissten fremd. Sie behandeln Mitmenschen so, wie sie selbst nicht behandelt werden möchten. Sie besitzen einen Blick für das Besondere, können leistungsstark (in Schule, Beruf, Hobby) sein und haben oft gepflegte und statusbewusste Umgangsformen.

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich mich für diese Diagnose geschämt habe?

Nun habe ich aber inzwischen gelernt, dass man eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht als das Gleiche, wie einen Narzissten im umgangssprachlichen Gebrauch verstehen darf.

Auszug aus einer Erklärung der ’narzisstischen Persönlichkeitsstörung‘ (Quelle: http://www.narzissmus.net/?p=215):

[ein] Mensch[en], dessen Umwelt und Partner ihm hauptsächlich als Lieferanten narzisstischer Bestätigung dienen. Selbstverstärker wie Labels, Luxus, Statussymbole und Besitz federn sein labiles Ego ab. Werden andere Menschen als zurückweisend wahrgenommen, ist es meist der narzisstische Charakter selbst, der andere abweist. Eher ist er dazu bereit, sich einzuigeln und sich sogar selbst zu verletzen, als sein grandioses Selbst aufzugeben.
Seine Maxime “Ich brauche andere nicht” ist immer von der Klage begleitet: “Keiner liebt mich.”
Narzissmus-Patienten lassen sich mangels eines inneren Prinzips von Stimmungen, von Sinneseindrücken und vom Zufall eher leiten als von eigenen Plänen. Ihre Depressionen und Ängste, ihre Antriebslosigkeit und das zwanghafte, ängstliche Kreisen um die eigene Person steigern sich im schlimmsten Fall zu selbstzerstörerischen Handlungen, wie Essensverweigerung, Drogensucht oder Selbstmordversuchen.

Um euch das mal mit meinen Worten anhand meiner Gedanken zu erläutern:
Ich kann die Fragen, die in etwa lauten „Haben Sie das Gefühl, dass andere Sie wegen Ihres Aussehens beneiden?“ und „Finden Sie sich abstoßend?“ beide mit ‚ja‘ beantworten, ohne dabei zu lügen.

Und im Grunde ist das der ganze Kern dieser Störung. Und wenn ihr mich fragt, sagt er einfach nur aus, dass ich ziemlich Banane bin!

Aber was soll ich machen? Ich fühle beide Antworten gleichermaßen. Ich kann nicht nur eins von beidem empfinden. Ich kann es nacheinander und sogar zeitgleich empfinden. Im Grunde glaube ich, finde ich mich gar nicht wirklich beneidenswert – ich hoffe nur anhand der Reaktionen, die ich von anderen bekomme, dass ich es vielleicht bin. Wobei ich, wenn es um bestimmte Fähigkeiten, Talente o.ä. geht, schon des öfteren überzeugt bin, sie zu besitzen. Und dann bin ich über die Maßen enttäuscht, wenn wieder jemand anderes gelobt wird und im Mittelpunkt steht, wo ich es doch verdient hätte. Aber habe ich das? Ist es nicht nur meine subjektive Wahrnehmung, dass ich gut bin? Bin ich vielleicht gar nicht gut?
Und hübsch? Nein. Ich finde mich – und das meine ich ganz ehrlich – nicht hübsch!
Und immer, wenn mir jemand sagt, ich wäre hübsch, möchte ich ihn schlagen, weil er mich daran erinnert, dass ich mich selbst hässlich fühle. Warum? Weil ich eben einfach nicht meinem eigenen Ideal entspreche. Um genau zu sein, meinen Idealen. Und die sind teilweise so gegensätzlich, dass ich denen auch gar nicht entsprechen kann. Mein Verstand ist durchaus in der Lage, das zu verstehen. Aber leider kann ich das, was ich empfinde – den Neid, die Enttäuschung, die Abscheu, nicht abstellen.

Wenn ich mich dann also in meiner Spirale aus Abscheu, Neid und Traurigkeit über fehlende Bewunderung und Anerkennung befinde, wünsche ich mir einfach nur, „gesund“ zu sein. Nicht mehr denken zu müssen und endlich aus dem tiefsten Inneren heraus Spaß und Freude zu empfinden und nicht damit beschäftigt zu sein, darüber nachzudenken, ob mich nun jemand toll findet bei dem, was ich mache, oder nicht. Denn immer, wenn ich mich bei diesem Wunsch erwische, hasse ich mich.

Warum ich mich als krank ansehe, wo doch alle Menschen solche Gefühle genauso kennen? Wegen der Menge. Es heißt ja bekanntlich, die Masse macht das Gift. Und so ist es auch hier. Dass jeder mal an sich zweifelt, sich nicht mag, überlegt, was andere von ihm halten, ist wahrscheinlich normal. Es permanent zu empfinden und sein Leben danach auszurichten – also Situationen oder Menschen deswegen zu meiden – das ist nicht normal. Das ist „krank“. Deswegen spreche ich davon, gesund sein zu wollen. Ich will nicht mehr von meinen Gedanken eingeschränkt werden.
Aber wie ich schon sagte: Die Diagnose ist nur der erste Schritt vor der eigentlichen Arbeit.

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2 responses to “Die unsichere Narzisstin”

  1. emmakesselhut says :

    Mir gefällt „Die Diagnose ist nur der erste Schritt vor der eigentlichen Arbeit“. Ich kenne zu viele Menschen mit ähnlichen Diagnosen, die dann mit den Schultern zucken und sagen: Ich hab halt ne Persönlichkeitsstörung. Ich kann nix dafür.

    Denk an dich.

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