Archive | September 24, 2013

Autopilot


Wie macht ihr das? – Nein, das ist keine rhetorische Frage. Im Ernst: Wie macht ihr das?

Wie schafft ihr es, jeden Tag mit einem positiven Gefühl aufzustehen? Ich meine, natürlich habt ihr nicht jeden Tag ein gutes Gefühl und ganz sicher freut ihr euch nicht immer auf den Tag. Auch ihr habt gute und schlechte Tage. An manchen wollt ihr wahrscheinlich liegen bleiben und hofft, dass der Tag einfach vorbei geht. – Wenn ihr z.B. einen unangenehmen Termin beim Chef habt, oder eine Prüfung ansteht.

Aber fragt ihr euch jeden Tag, warum ihr aufstehen sollt? Fällt euch dann nicht einmal etwas ein, worauf ihr mehr Lust hättet, als arbeiten zu gehen? Oder in die Uni? – Gemütlich ausschlafen, frühstücken, in die Stadt gehen, shoppen, in den Park gehen, sonnen. An den Strand fahren, oder in die Berge.
Mir fällt nichts ein. Für mich macht es keinen Unterschied, was ich nach dem Aufstehen mache. Ich mache das, was von mir verlangt wird. Aber ich weiß nicht, wozu. Oder ob es mir irgendwo an einem schönen Urlaubsort besser gehen würde.

Wenn ihr aufsteht, denkt ihr dann darüber nach, ob das Sinn macht, was euch an diesem Tag erwartet? Oder seht ihr nur den Tag vor euch und bereitet euch beim Zähneputzen mental darauf vor? Vielleicht müsst ihr zuerst die Kinder wecken und sie ins Bad schleifen, weil sie nicht aufstehen wollen. Dann geht ihr in die Küche um zu frühstücken.
Vielleicht steht ihr aber auch einfach auf, zieht euch an und geht, weil ihr es nie schafft, ein wenig früher aufzustehen und holt euch unterwegs euren Kaffee beim Bäcker. Die Verkäuferin kennt euch schon und ihr müsst nicht mehr als „Guten Morgen“ sagen und sie fragt „Wie immer?“. Schön, solche Konstanten, oder? Mir sind Konstanten egal. Mir ist es egal, ob ich rechtzeitig aufstehe und meinen Kaffee Zuhause oder erst im Büro trinken kann. Mir ist es egal, ob morgens die Sonne scheint oder es regnet, wenn ich aus dem Haus gehe. Das Einzige, worüber ich mich ein wenig ärgere, sind zu dünne Sachen, wenn es mal wieder von einen auf den anderen Tag 10 Grad kälter geworden ist. Ich hasse frieren.

Ob meine Haare durch den Regen vielleicht nass werden, ist mir egal, weil ich sie ja eh nicht zurecht gemacht habe. Ob ich gut aussehe oder nicht, ist mir egal, da ich mich nicht geschminkt habe. Ich seh so aus, wie ich aussehe. Dann geh ich auf Arbeit, danach zum Training, und wenn ich Zuhause bin, esse ich vielleicht noch irgendwas. Manchmal auch nicht. Weil es eh nicht schmeckt. Alles schmeckt gleich. Es soll nur stopfen, wenn der Magen zu heftig knurrt.

Dieses Leben ist schwer für mich. Ich möchte keine Gesellschaft, weil es mich anstrengt, aufmerksam zu sein. Aber hin und wieder zwinge ich mich dazu, weil ich Angst habe, Freunde zu verlieren. Immerhin kann es ja sein, dass es mir irgendwann besser geht.
Dann verbringe ich einen Abend mit viel Reden und viel Lachen. Aber sobald ich auf dem Heimweg bin, ist alles, wie vorher. Ich merke nur hin und wieder einen kleinen Unterschied. Dass ich ein bisschen weniger grüble. Etwas „erleichtert“ bin. Mein Kopf leerer und leichter ist. Leider hält das nicht sehr lange an. Kaum bin ich Zuhause angekommen, ist meist wieder alles da. Die Sinnlosigkeit, die Lustlosigkeit. Dann weiß ich nicht, was ich machen soll. Was ich machen WILL. Seit ein paar Tagen zwinge ich mich dazu, immer irgendetwas Produktives zu machen. Damit ich hinterher zufrieden bin. Damit ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles gemacht zu haben. Immerhin reicht es, um abends einigermaßen gedankenlos ins Bett zu gehen. Aber zufrieden, oder sogar glücklich fühle ich mich nicht. Ich habe nur ein etwas weniger schlechtes Gewissen, mein Leben zu vergeuden.

Ich meine, das alles klingt so harmlos und womöglich denkt ihr „ach Gottchen, wie sie übertreibt und dramatisiert. Sobald sie unter Menschen ist, ist doch alles in Ordnung. Das Mädel muss nur mal öfter rausgehen, anstatt alleine Zuhause rumzuhängen.“ Tja leider ist es damit nicht getan. Ich hab`s probiert! Immer und immer wieder. Und ich werde es weiterhin probieren! Nur passiert dann auch manchmal schnell das Gegenteil. Dann bekomme ich Angst unter Menschen und das Gefühl, losheulen zu müssen. Ich fühle mich dann so unglaublich weit weg von den Leuten um mich herum, dass ich das Gefühl habe, ich sitze unter einer Glasglocke und alle starren mich an. Ich will raus zu ihnen, aber ich kann nicht. Aber alle anderen sehen die Glasglocke nicht. Sie wundern sich, warum ich nicht zu ihnen komme, weil sie nicht sehen, dass ich nicht kann. Und das verstärkt mein Gefühl der Einsamkeit. Ich fühle mich unverstanden und ungerecht behandelt.

Das alles ist ein Teufelskreis und ich finde den Ausgang nicht. Die Tür mit der Aufschrift „Lebensziel“.
Wenn ich wenigstens wüsste, was ich will! Will ich einen anderen Job? Will ich vielleicht nur mehr Geld verdienen? Will ich in eine andere Stadt? In ein anderes Land? Würde ich mich vielleicht in einem Land mit einer anderen Mentalität besser fühlen? Wenn ja – welches? Ich kenne doch kein einziges Land. Will ich herumreisen? Oder will ich nur den Mann meines Lebens finden und eine Familie gründen? Will ich überhaupt Kinder? Will ich überhaupt einen Mann?? Manchmal glaube ich fast, dass ein Mann für mich nicht vorgesehen ist. Ich bin so sehr mit mir beschäftigt, dass ich mich nicht einmal glücklich fühle, wenn der Mann, den ich glaube zu lieben, neben mir liegt. Ich fühle nur Unsicherheit und die Frage „Ist das jetzt alles? Kommt da noch was?“.

In den ganz schlimmen Momenten ist meine Einzige „Lösung“, mich zu verletzen. Es ist das Einzige, was mich etwas empfinden lässt. Natürlich klingt das abgedroschen. Nahezu auswendig gelernt. Selbst Menschen, die sich nie mit diesem Thema auseinander gesetzt haben, kennen den Satz „Es ist der einzige Weg, etwas zu fühlen.“ Aber es ist eben die Wahrheit. Manchmal bin ich froh, wenn ich in Selbsthass verfalle. Es ist die einzige Leidenschaft, die ich aufbringen kann. Dann erscheint alles logisch. ‚Klar, dass ich nicht glücklich sein kann. So, wie ich bin. Mit dem, was ich mache und wie ich aussehe.‘
Ich habe nur jedes Mal, wenn das passiert, Angst, dass ich irgendwann mal aufgebe. Dass ich alle um mich herum vergesse und alles beende.

Ich schätze, das Programm, das zur Zeit bei mir abgespielt wird, heißt „Selbsterhaltungstrieb“. Ich hoffe nur, dass ich irgendwann ein Upgrade dafür bekomme und es nicht vorher abstürzt.

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